Liberalismus

Der Liberalismus setzt die Freiheit des Individuums an erste Stelle. Der Staat bildet den Lebensraum für viele verschiedene Individueen, denen der nötige Freiraum zur Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung in einer modernen, pluralistischen Gesellschaft gewährleistet werden soll. Der Mensch ist ein mündiges Wesen und soll seine Freiheit, solange er damit nicht die Freiheit anderer einschränkt, weit ausleben können. Er trägt die Eigenverantwortung für seine Entscheidungen. Der Mensch ist zur Selbstbestimmung im Stande und benötigt dazu keinen Staat. Der Staat, bei dem selbst ein perfekter Machtausgleich durch „Checks and Balances“ sichergestellt werden soll, soll nur passiv agieren und den Rahmen der Freiheit als Lebenselixier einer pluralistischen Gesellschaft schützen.

„Der Naturzustand ist ein Zustand vollkommener Freiheit, innerhalb der Grenzen des Naturgesetzes seine Handlungen zu lenken und über seinen Besitz und seine Person zu verfügen, wie es einem am besten scheint – ohne jemandes Erlaubnis einzuholen und ohne von dem Willen eines anderen abhängig zu sein.“
John Locke

Als Vater des Liberalismus gilt der britische Philosoph John Locke (1632 – 1704). Seine Idee des Liberalismus hatte maßgeblichen Einfluss auf die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika sowie auf die Französische Revolution. Im Gegensatz zum damals weit verbreiteten monarchischen Absolutismus galt die Weltanschauung von John Locke als Aufbruch hin zur staatlichen und gesellschaftlichen Moderne. Noch heute haben wir daher auch innerhalb des Liberalismus den Anspruch, stets bewährte Denkmuster zu hinterfragen und ständig den Mut zu haben, neue Wege zu beschreiten.

„Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten, etwa verschiedener Reichtum oder verschiedene Macht, sind nur dann gerecht, wenn sich aus ihnen Vorteile für jedermann ergeben, insbesondere für die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft.“
John Rawls

Wenn sich ein jedes Individuum uneingeschränkt innerhalb der Gesellschaft entfalten soll, müssen den Individueen auch die selben Chancen geboten werden. Liberalismus bedingt also in sozialer Hinsicht – wie der us-amerikanische Philosoph John Rawls (1921 – 2002) zutreffend erkannte – eine faire Chancengleichheit. Nur so stehen den Individuen vergleichbar viele Wege zu ihrer eigenen Entfaltung offen. Es liegt also in der Verantwortung des Individuums selbst, zu entscheiden, in welcher Rolle er Teil der Gesellschaft sein möchte und wie er diese Zielvorstellung umsetzt. In wirtschaftlicher Hinsicht muss dem Individuum die Verwirklichung seiner persönlichen Freiheit durch die Privatautonomie und die Vertragsfreiheit ermöglicht werden. Diese beiden Ausgestaltungen sind heute tragende Grundprinzipien des deutschen Zivilrechts.