Kommentar: Deutschland zur Gründerrepublik machen

Ein Kommentar von Tim-Jonas Löbeth, Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen Neuwied

 

Unser Wohlstand von morgen ist in Gefahr! Im internationalen Gründungsranking der Weltbank belegt Deutschland nur noch Platz 114 – das ist 113 Plätze am Ziel vorbei. In den letzten 15 Jahren hat sich die Anzahl der Unternehmensgründungen in Deutschland halbiert. In Estland dauert eine Gründung durchschnittlich 18 Minuten – in Deutschland 75 Tage. Und was tut die Regierung in Berlin? Sie hat von ihren 30 Versprechen im Koalitionsvertrag zur Stärkung der Gründerkultur in Deutschland bislang 3 Maßnahmen umgesetzt. Kurzum: Sie schläft wieder mal!

Ich meine: Unser jahrzehntelanger Wohlstand hat uns behäbig und langsam werden lassen. Wir ruhen uns auf unseren wirtschaftlichen Erfolgen der Vergangenheit aus, frei nach dem Motto: „Damit hatten wir schon immer Erfolg.“ Wirtschaftlicher Wohlstand ist für uns zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Wir sind nicht mehr im Stande, zu schätzen, welche Leistungen und Werte hinter diesen Erfolgen stecken und wir können es uns nicht vorstellen, dass unsere lang anhaltende wirtschaftliche Erfolgssträhne eines Tages zu Ende geht. Doch genau dieser Tag rückt immer näher.

Die Welt um uns herum verändert sich rasend schnell. Neue innovative Technologien und Business Ideen rund um Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Blockchain, Quantum Computing oder Internet of Things sprießen täglich irgendwo auf diesem Planeten aus der Erde. Der technische Fortschritt rennt. Viele Staaten nutzen die Chancen dieser Zeit: Das einstige Entwicklungsland China avanciert zur neuen Weltmacht und selbst kleine, vormals eher unbedeutende Staaten wie Estland, Schweden oder die Niederlande gewinnen massiv an Bedeutung. In eben jenen Ländern werden die Googles, Facebooks & Co. von morgen geboren.

Wir, die größte Volkswirtschaft Europas, verschlafen diese Entwicklungen konsequent! Eigentlich sollte es nicht unser Ziel sein, nur auf der Höhe der Zeit mitzuschwimmen. Unser Anspruch muss es sein, der Zeit voraus zu sein und neue technische Evolutionen selbst zu erzeugen. Große deutsche Visionäre wie Carl Benz oder Werner von Siemens sollten wir nicht länger nur aus unseren Geschichtsbüchern kennen. Wir müssen hungriger sein, wenn es darum geht selbst Trendsetter und Fortschrittstreiber zu sein.  Gelingt uns das nicht, werden unsere Generationen von morgen nicht mehr in dem Wohlstand leben können, den wir heute genießen.

Als Politik haben wir ein fruchtbares und gedeihliches Umfeld für Unternehmen in unserem Land zu schaffen. Wir müssen das Gründen in Deutschland einfacher machen und müssen junge Visionäre endlich aus dem endlosen Dschungel deutscher Bürokratie befreien. Während in Deutschland noch ein Gründer auf dem Behördenflur seine Gewerbeanmeldung ausfüllt, hat der Gründer in Estland schon seine erste Million auf dem Konto und zig Mitarbeiter eingestellt. Hören wir endlich auf, unseren jungen Visionären Kraft und Mut durch deutschen Behördenwahnsinn zu rauben!

Zugleich müssen wir auch eine neue Gründerkultur in der deutschen Gesellschaft etablieren. Wir müssen Leistung einerseits wieder stärker anerkennen und andererseits auch mit dem Scheitern gesellschaftlich anders umgehen. Die wenigsten Gründer waren mit ihrer ersten Idee erfolgreich. Doch für viele von ihnen waren ausgerechnet die Tiefpunkte im Nachhinein diejenigen Momente, aus denen sie am meisten gelernt haben. Die Niederlagen waren die Geburtssunde großer Gründerpersönlichkeiten! Und deshalb dürfen wir gescheiterten Gründern in Deutschland nicht mehr mit Hohn und Spott begegnen, sondern müssen sie ermutigen, das Gründen erneut zu probieren.

Es ist die Aufgabe unserer Generation, dafür zu sorgen, dass die Politik aufwacht, bevor der Vorsprung auf andere schon nicht mehr einzuholen ist. In ganz Deutschland gehen in letzter Zeit viele junge Menschen auf die Straße – sei es im Kampf gegen Uploadfilter oder im Einsatz für „Fridays for Future“. Dabei geht es aber nicht „nur“ um die Freiheit im Internet oder um mehr Klimaschutz. Es geht um weitaus mehr. Es geht darum, dass die Politik endlich auch wieder die Interessen der künftigen Generationen in den Blick nimmt und dafür Verantwortung übernimmt, dass wir auch in 30-40 Jahren noch im Wohlstand leben. Denn die Weichen für unseren Wohlstand von morgen werden heute schon gestellt. Gelingt es uns der notwendige Kurswandel in der Politik hin zu einem zukunftsorientierten Geist nicht, werden wir bald schon schmerzhaft zu spüren bekommen, dass Wohlstand genau eins nicht ist: Eine Selbstverständlichkeit!